Dienstag, 27. März 2012

Potosí – ein Besuch in der Mine

Der letze Eintrag ist einige Zeit her, was mir leid tut, aber ich hatte auch länger kein vernünftiges Internet. Daher erzähl ich mal wieder der Reihe nach und mache einige verschiedene Blog-Einträge, um es thematisch abzugrenzen.

Wir fuhren also von Tupiza Richtung Norden nach Potosí, die höchste Großstadt der Welt! Gottseidank hatten wir keine Probleme mit der Höhe, keine von uns dreien hatte Kopfschmerzen oder andere Symptome, nur Liane war erkältet. Im Hostel trafen wir Rachel (die nette Schottin!), sowie Gesine und Joanna wieder, die mit uns die Tour in Tupiza gemacht hatten. So klein ist die Welt! J Wir beschlossen nach einigem kontroversen Hin- und Herüberlegen, eine geführte Tour in eine der (Silber-)minen von Potosí zu machen. Und dieser Ausflug verdient einen gesamten Blog-Eintrag für sich...

Der Berg hinter der Stadt ist inzwischen durchlöchert wie ein Schweizer Käse, es wurden schon über 500 verschiedene Minen dort hineingegraben. Die Mineralien im Berg werden seit Hunderten von Jahren abgebaut und die Spanier haben tonnenweise Silber nach Europa geschafft, welches von Sklaven für die „Eroberer“ abgebaut wurde. Inzwischen sind die Minen private Cooperationen, vor einigen Jahren noch waren sie verstaatlicht. Doch nun – zum ersten Mal in der Geschichte des Berges – arbeiten die Minen-Arbeiter in die eigene Tasche, in kleineren und größeren Gruppen, bis zu max. 500 Leute. Aktuell arbeiten rund 15 – 20 000 Menschen im Berg, darunter auch bis zu 800 Kinder, die sonst nicht in die Schule gehen könnten, weil ihre Familien es nicht finanzieren können. Es starben bisher schätzungsweise über 8 Millionen Menschen in diesem Berg, der den Beinamen trägt „Der Berg, der Menschen frisst“. Es gibt einen Film, der sehr gut das Leben im Berg darstellt, er heißt „The Miner’s Devil“. Sehr empfehlenswert, wenn man mehr darüber erfahren möchte...

Ihr seht, die Geschichte dieser Minen und der Stadt ist einfach nur gruselig und grausam, und ein Besuch der Mine hörte sich nicht besonders verlockend an in meinen Ohren. Doch wir waren der Meinung, dass dies eine sehr lehrreiche und augenöffnende Erfahrung sein würde. Also buchten wir über unser Hostel eine Tour mit gutem Ruf, geführt von einem englisch-sprachigen Guide, der selbst jahrelang in der Mine gearbeitet hatte und nun Touristen die Arbeitswelt seiner Freunde und Kollegen zeigt. Liane war leider krank und konnte nicht mit, also gingen Kim und ich gemeinsam mit drei Schweden, einem Österreicher und einem Deutschen. Wir wurden ausgestattet mit wasserfesten Klamotten, Gummistiefeln, Lampen und Helm. Auf dem Markt kauften wir noch Geschenke für die Minenarbeiter, darunter Saft, Coca-Blätter und Arbeits-Handschuhe. Wir bekamen eine Einführung vom Chef der Cooperation, der uns vieles über das System erklärte. Dann ging es in den Stollen... die Luft wurde immer schlechter, man sah Ablagerungen von giftigen Gasen an den Tunnelwänden, auf dem Boden stand das Wasser teilweise knöcheltief. Je weiter man in den Berg kam, desto knapper wurde der Sauerstoff und desto heißer wurde es. Teilweise mussten wir auf allen Vieren krabbeln, da die Gänge so eng sind. Uns wurde gezeigt, wie Dynamit platziert wird, worauf man achten muss und so weiter. Unser Guide erklärte uns viel und versicherte sich immer wieder, dass es uns allen noch gut ging.

Wir trafen unterwegs einige Arbeiter, Kumpels von unserem Guide, die uns alle total freundlich begrüßten, in ihrem Stollen willkommen hießen und sich freuten, dass wir sie in der Mine besuchten. Sie waren aufgeschlossen, quatschen mit uns über ihr Leben, ihre Arbeit und Familien und waren neugierig, was wir so machen. Die Touristen sind nicht nur eine zusätzliche Einnahemquelle sondern auch eine willkommene Abwechslung und eine Bereicherung ihrer Arbeit im Berg – das erklärten sie uns sehr offen. Wir saßen am Ende der Tour mit einigen Arbeitern in einem größeren Stollen, sie erzählten Geschichten aus dem Berg und über den „Teufel“ der Minenarbeiter („El Tio“) und wir mussten mit ihnen ihren Schnapps trinken – 96-prozentiges ekelhaftes Zeug, das sie zur besseren Verträglichkeit mit Saft mischten. *BÄH* Doch nur mit Alkohol, Unmengen von Coca-Blättern und Zigaretten ertragen sie Tag für Tag die harte Arbeit.

Ich war schockiert, traurig, wütend und hilflos, als ich sah, unter welchen extremen und sau-gefährlichen Bedingungen diese armen Männer in diesem widerlichen Berg arbeiten müssen, damit der Rest der Welt hübschen Silberschmuck tragen kann und aus anderen Mineralien irgendwelche Kabel, Microchips und sonstiger Kram hergestellt werden kann. Es war echt nicht schön zu sehen, dass unser „Luxus“ auf Kosten dieser Menschen geht. Sie werden maximal 50 Jahre alt, die meisten sterben früher an Staublunge oder Vergiftungen durch Gase oder Fehlzündungen von Dynamit etc.. Auch wir hörten einige Explosionen, unter uns zitterte der Boden... ich könnte noch eine ganze Menge mehr schreiben, doch ich bin mir sicher, dass das Bisherige reicht um zu zeigen, dass das mit Sicherheit keine schöne Tour war. Doch meiner Meinung nach ist es wichtig, bei einer Reise nicht nur die schönen Orte eines Landes zu besuchen, sondern auch die anderen Seiten zu betrachten und nicht die Augen davor zu veschließen! Ich hab viel gelernt an dem Tag in der Mine, bin an meine eigenen körperlichen Grenzen gestoßen und denke noch immer viel darüber nach...

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